Annäherung an Jamaika – Eine Reise in eine andere Welt

Jamaika ist ein beliebtes Urlaubsziel – bekannt für weiße Sandstrände, Rasta und Reggae. Parallelen zur gescheiterten Sondierung in Deutschland findet man höchstens vor dem Abflug.

Schon auf dem Weg in die Karibik kommt mir einiges bekannt vor: Das Flugzeug hat ein lahmes Triebwerk, die Techniker „sondieren“ Stunde um Stunde, um dann den „Lindner“ zu machen: Lieber gar nicht fliegen als schlecht fliegen. Aus, kaputt.

Gejohle am Kölner Flughafen, als die deutsche Airline neun Stunden Verspätung ankündigt. Uns werden Getränkegutscheine gereicht, und im Nu ähnelt dieser Teil des Konrad-Adenauer-Flughafens dem Berliner Balkon der Parlamentarischen Gesellschaft, auf dem die verhinderten Jamaika-Koalitionäre bei Wein und Häppchen Vertrauen aufbauen wollten. Bei Kölsch und Würstchen lernen wir Jamaika-Urlauber uns kennen, der Nachmittag vergeht wie im Fluge – bis ein neuer Airbus nebst frischer Besatzung herbeigeschafft worden ist.

„Unsere Regierung spart eben beim Personal“

Zehn Stunden später wird die Ankunft im real existierenden Jamaika zur harten Begegnung mit der Realität: Auch in der Karibik verleihen Uniform und Stempel dem Staatsdiener das Gefühl grenzenloser Macht. Die Passkontrolle ist ihr Reich. Zwei strenge Beamte für 200 Reisende – „unsere Regierung spart eben beim Personal“, sagt Taxifahrer Freddy, der drei Stunden später den „Lumpensammler“ am Flughafen macht.

Weit kommen wir nicht, denn ein heftiger Regenguss hat einen Erdrutsch ausgelöst – durch die Straßen von Montego Bay wälzt sich eine Schlammlawine, reißt Autos mit sich und verwüstet zwei Hotels.

Bei Tagesanbruch sind die Aufräumarbeiten in vollem Gange, es soll auch Tote gegeben haben. „Wir haben hier kaum funktionierende Abwasserkanäle, deshalb läuft die Kanalisation schnell über und das Wasser sucht sich eben seinen Weg durch die Straßen“, erklärt Leon, der Frühstückskellner die Mühen des karibischen Alltags.

Das Unwetter kommt für Jamaika zur Unzeit: Die großen Hurrikans im Spätsommer haben die Nachbarinseln verwüstet, weshalb man hier auf einen Gästeansturm setzt. Vor allem aus den USA und Kanada werden rund um Weihnachten zig Tausende erwartet – aus Deutschland kommen jährlich etwa 30.000 Gäste. Viele bleiben nicht, sondern beginnen in Jamaika ihre Karibik-Kreuzfahrten.

Bettenburgen hinter Stacheldrahtzaun

Andere reisen auf eigene Faust durchs Land und wieder andere steigen wohl behütet hinter doppelreihigem Stacheldraht in Luxushotels ab. An der „Bloody Bay“ am Rand des elf Kilometer langen Sandstrands von Negril stehen gleich mehrere dieser all-inclusive Bettenburgen. Jamaikaner, die in diesen Ferien-Fabriken Kontakt mit den Gästen haben dürfen, sind sorgfältig ausgesucht: Kellner, Barmixer oder Surfbrettverleiher sind nur für den Gast da – wer mit anderem handeln will, darf als fliegender Händler eine unsichtbare Demarkationslinie nicht überschreiten. Hoteleigenes Wachpersonal und Trupps der lokalen Polizei achten sehr genau darauf, dass sich Urlauber und Einheimische hier nicht zu nahe kommen.

Das wahre Leben von Negril tobt sechs Kilometer entfernt: Entlang günstiger Unterkünfte und Bars wird der phantastische Palmenstrand vor dem tropisch warmen Wasser zum Basar: Bunte Armbändchen, Aloe Vera, Bootsausflüge, Brot, Hummer, Hühnchen, Fahnen, Massagen, Obst, „Liebe“ – und nahezu alles, was das Bewusstsein erweitern soll, wird hier mal charmant, mal aufdringlich angeboten. Mit dem schnellen Touristendollar scheint kaum ein regulärer Job mithalten zu können. Jamaika ist hier knallhartes Business, wirkt wie ein Dorado des Neoliberalismus. Vor allem dann, wenn es um „Ganja“ geht: Das Marihuana Jamaikas ist überall präsent.

Spätestens seit der Konsum der Droge auf der Insel nicht mehr verboten ist, sehen die Stranddealer in jedem Urlauber einen potentiellen Kunden. „Are you ready for it?“ „You want it, you want it!“, zischt es allenthalben. Selbst die begnadete Köchin in der Strandbar eines ehemaligen Musikers der „Drifters“ zerreibt erstmal einen großen Büschel „Ganja“ zwischen den Fingern, riecht genüsslich daran, fragt uns: „You want some of this shit?“, und schreitet erst dann an den Herd.

Zeitweise keine Trinkversorgung

Solche Offerten gehören zu Jamaika, wie Palmen, Strand und Korallenriffe. Die Touristen sind für die Insel-Wirtschaft wichtig. „Wenn ich sehe, was Fidel Castro auf Kuba alles erreicht hat, werde ich neidisch“, sagt Taxifahrer Freddy. Die sozialistische Nachbarinsel trotzt seit Jahrzehnten den amerikanischen Versuchen, das Land auszuhungern und hat einiges aufgebaut. „Bei uns wirtschaften die Politiker vor allem in ihre eigenen Taschen“, klagt er. Wählen geht er schon lange nicht mehr. Dass in Deutschland gerade viel über Jamaika gesprochen wird und die Landesfarben der Insel Pate stehen für eine Koalition hiesiger Parteien, lächelt er weg. Viel mehr beschäftigt ihn, dass trotz der vielen Regenfälle der letzten Monate die Trinkwasserversorgung dauernd zusammen bricht. „Warum gelingt es der Regierung nicht, das Wasser zu sammeln?“

Wie viele Jamaikaner träumt auch Jason davon, die Insel zu verlassen. Der Mittzwanziger kennt alle Mannschaften der Fußballbundesliga, sein Herz schlägt für Borussia Dortmund, sein Idol ist der 19-jährige Leon Bailey, der für Leverkusen kickt. Jason wollte es genauso machen, spielte wie Landsmann Bailey in der jamaikanischen Liga, bis eine Verletzung das Aus für seine Karriere als Fußballprofi bedeutete. Jason lebt in seinem Heimatdorf oberhalb von Negril, wo viele seiner Altersgenossen auf ihren Mopeds herumlungern. Sie hören auf das Kommando von „King“.

Das beste „Ganja“ der Region

Der 55-jährige Rastafari züchtet das wohl beste „Ganja“ der Region. Das zeigen zahlreiche Pokale in seinem Haus, die ich aus Deutschland so nur von Rosenzüchtern kenne. Ihm gehören mehrere Felder. „Die sind rund um die Uhr bewacht“, erzählt mir Erika aus dem Schwarzwald, die seit sechs Jahren dauerhaft auf Jamaika lebt. Auch sie lebt vom Geschäft mit den Touristen, bietet Ausflüge an, und Jason ist ihr einheimischer Fahrer. Dass der „King“ sie öffentlich zu seiner „Schwester“ erklärt hat, schadet ihrem Geschäft nicht, eher im Gegenteil. So darf sie Urlauber kostenlos ins „Ganja-Dorf“ bringen, während andere Veranstalter dafür einen hohen Preis aufrufen. Ein Jugendlicher zeigt uns nach anstrengender Kraxelei auf einem Hügel pralle „Ganja“-Stauden. Weit größere Felder sollen gut versteckt liegen. „Nicht vor der Polizei, den Rastafari ist der Anbau erlaubt, aber die Konkurrenz ist groß“, erklärt Erika.

Davon bekommen viele Urlauber am Strand von Negril wenig mit, wenn sie mit dem Joint im Mundwinkel der Sonne beim Untergehen zuschauen. Es mag dieses Lebensgefühl sein, an das sie denken, wenn zu Hause Schwarz, Gelb und Grün über gemeinsames Regieren nachdenken. Aber sie hören auch nicht das lokale Radio, das die Jamaikaner davor warnt, in manchen Gegenden nachts vor die Tür zu gehen. Es sei zu gefährlich: Weihnachten ist auch für Jamaikaner teuer, und längst nicht jeder hat die Möglichkeit, mit Arbeit genug zu verdienen, hören wir immer wieder.

Kleine Randnotiz: Auch vor dem Rückflug ging das Flugzeug kaputt, 21 Stunden später als geplant erreichen wir ein verschneites Köln. Auch „Jamaika-Aus“ ist viel komplizierter, als ich dachte.