Kino: (Alb-)Traum in der Karibik


 
 
 

„Im Netz der Versuchung“: Thriller mit Anne Hathaway und Matthew McConaughey

Ein moderner Film Noir, der versucht, an das klassische US-Genre anzuknüpfen und dieses wiederzubeleben: „Im Netz der Versuchung“. Im deutschen Sprachraum wurde es als „Schwarze Serie“ bekannt, es handelte sich dabei um zynische, brutale und von einer pessimistischen Weltsicht geprägte Kriminalthriller, in deren Zentrum meist ein abgehalfterter, desillusionierter Polizist oder Privatdetektiv stand – ein „Loner“, ein Einzelgänger, der sich der (verkommenen) Gesellschaft und ihren Konventionen verweigert und nach einem eigenen Moralkodex lebt und handelt. Als erste Produktion der Spielart gilt John Hustons „Die Spur des Falken“ (1941), als letzte Orson Welles’ „Im Zeichen des Bösen“ (1958).

Klassisches Genre

Vom expressionistischen deutschen Stummfilm sowie dem Schrecken des Zweiten Weltkriegs waren die Arbeiten geprägt, als Vorlage dienten gerne die sozialkritischen, hemdsärmeligen Krimis von Autoren wie Raymond Chandler, Dashiell Hammett oder Ross Macdonald. Schwarz-weiß wurde bevorzugt gedreht –Farbfilme wie John M. Stahls „Todsünde“ waren die Ausnahme –, man spielte mit Licht und Schatten, bediente sich einer nüchternen, knappen Umgangssprache. Immer wieder haben Filmemacher sich an diesen Werken orientiert und sie variiert – Lawrence Kasdan beispielsweise 1981 mit „Heißblütig – kaltblütig“.

Nun hat sich Steven Knight („No Turning Back“) an einer Neuauflage versucht, nach eigenem Drehbuch, mit Oscar-Preisträger Matthew McConaughey („Dallas Buyers Club“) in der Hauptrolle. Eine stimmige Besetzung, bringt der Schauspieler doch die nötige Physis mit – durchtrainierter, sonnengebräunter Körper, Dreitagebart und Skepsis im Blick. Er sieht gut aus, ohne dabei aufdringlich schön zu wirken. Die Kamera fährt zum Auftakt auf eines seiner Augen zu, scheint die Pupille zu durchstoßen – und dahinter öffnet sich der azurblaue Ozean. Der ernährt Baker Dill. Auf eine scheinbar idyllische Tropeninsel hat sich der Irakkrieg-Veteran zurückgezogen, ein riesiger Thunfisch – Hemingways „Der alte Mann und das Meer“ oder der Walfänger Ahab aus „Moby Dick“ dürften Pate gestanden sein – ist seine Obsession.

Mit seinem Boot fährt er, unterstützt von seinem Maat und Kumpel Duke (Djimon Hounsou), Touristen zum Hochseefischen. Ein Job, der ein sicheres Auskommen garantiert. Zurück an Land schaut er regelmäßig bei seiner Geliebten Constance (Diane Lane) vorbei, die Abende beschließt er in der örtlichen Hafenkneipe. Diese Routine wird jäh unterbrochen, als seine mysteriöse Ex-Frau Karen (Anne Hathaway) unerwartet auftaucht.

Sie bittet ihn um Hilfe. Baker soll ihren gewalttätigen Neo-Ehemann Frank – verkörpert vom angesagten Jason Clarke („Friedhof der Kuscheltiere“) – umbringen. Ihn an Bord nehmen und für zehn Millionen Dollar „als Futter für die Haie“ ins Meer zu werfen. Um ihres gemeinsamen Sohnes willen…

Eiskalt berechnend

Dass das nicht gut gehen wird, gehört zu den ehernen Regeln der Gattung. Wie auch Hathaway („Ocean’s Eight“), hier nicht das nette Mädchen von nebenan ist, sondern eiskalt berechnende Femme fatale. Ihr ist nicht zu trauen – trotz blütenweißen Kleides und verführerischen Lächelns. Genauso wenig wie den sonnendurchfluteten Bildern von Kameramann Jess Hall („Ghost in the Shell“), hinter denen sich Abgründe auftun. Aber natürlich verfällt ihr Baker erneut, hinter der rauen Schale verbirgt sich – ganz prototypisch – ein guter Kern. So läuft die Story – Nebenplot und überraschende Handlungswende inklusive – wie ein Uhrwerk ab. Perfektes Handwerk, angesiedelt zwischen Traum und Albtraum, nicht immer zwingend schlüssig und logisch, dennoch fesselnd und unterhaltsam.