Neue Hoffnung für Haiti: Wie jetzt Touristen das Armenhaus der Karibik retten sollen

Observatorium

 
 
 

Während die Dominikanische Republik im Osten der Karibikinsel Hispanola als Urlaubsparadies bekannt ist, gilt Haiti als Alptraumnation. Nun sollen Touristen den Aufschwung bringen.

Von hier oben sieht Port-au-Prince wie eine ganz normale Stadt in der Karibik aus: Lichtermeer vor pastellfarbenem Abendhimmel, dazwischen der unendliche Ozean. Die Gäste im Restaurant Observatoire in Pétion-Ville, der Oberstadt der Reichen, tragen elegante Kleider. Ober servieren zu dezenter Musik frische Meeresfrüchte und Rum-Cocktails.

500 Meter tiefer wartet die Hölle: die Hauptstadt eines gescheiterten Staates, das Armenhaus der westlichen Welt, berüchtigt durch Erdbeben, Putsche, bizarre Diktatoren und Cholera-Epidemie. Die Cité Soleil, der monströse Slum der Kapitale, war für die UNO lange die „gefährlichste Stadt der Welt“. Französische Medien berichteten, dass sich die gierige und korrupte Oberschicht des Landes dort kleine Kinder kauft, die bei Voodoo-Zeremonien geopfert und gegessen werden. Der Voodoo-Glaube war unter Diktator François „Papa Doc“ Duvalier staatlich anerkannte Religion.

Während die Dominikanische Republik im Osten der Karibikinsel Hispanola als Urlaubsparadies bekannt ist, gilt Haiti als Alptraumnation. Nun sollen Touristen den Aufschwung bringen. FOCUS-Online-Autor Günter Kast hat sich vor Ort umgesehen.

Von hier oben sieht Port-au-Prince wie eine ganz normale Stadt in der Karibik aus: Lichtermeer vor pastellfarbenem Abendhimmel, dazwischen der unendliche Ozean. Die Gäste im Restaurant Observatoire in Pétion-Ville, der Oberstadt der Reichen, tragen elegante Kleider. Ober servieren zu dezenter Musik frische Meeresfrüchte und Rum-Cocktails.

500 Meter tiefer wartet die Hölle: die Hauptstadt eines gescheiterten Staates, das Armenhaus der westlichen Welt, berüchtigt durch Erdbeben, Putsche, bizarre Diktatoren und Cholera-Epidemie. Die Cité Soleil, der monströse Slum der Kapitale, war für die UNO lange die „gefährlichste Stadt der Welt“. Französische Medien berichteten, dass sich die gierige und korrupte Oberschicht des Landes dort kleine Kinder kauft, die bei Voodoo-Zeremonien geopfert und gegessen werden. Der Voodoo-Glaube war unter Diktator François „Papa Doc“ Duvalier staatlich anerkannte Religion.

„Wir haben sämtliche Zutaten: Palmenstrände, Sonne, Höhlen, Wasserfälle“

„Ihr Europäer geilt Euch zu sehr an solchen Horrorgeschichten auf“, schimpft Cyril Pressoir. Der Sohn eines weißen Haitianers und einer Französin studierte und lebte im Ausland. Doch anders als viele seiner Landsleute kehrte er nach Haiti zurück und baute ein Reiseunternehmen auf. Er glaubt daran, dass seine Heimat eine bessere Zukunft vor sich hat, in der der Tourismus eine große Rolle spielen wird, ähnlich wie bei den Nachbarn in der Dominikanischen Republik.

„Wir haben sämtliche Zutaten“, schwärmt er: „Palmenstrände, Sonne, Höhlen, Wasserfälle, farbenfrohe Städte, freundliche Menschen, vor allem aber: eine spannende Geschichte.“

Haitis Historie ist in der Tat einzigartig. In der französischen Kolonie Saint-Domingue, dem einst reichsten Überseegebiet der Welt, warteten die Sklaven nicht etwa darauf, dass das Leibeigentum abgeschafft wird. Sie befreiten sich selbst, nur um im Namen der schwarzen Mehrheit eine noch despotischere Willkürherrschaft zu errichten. Nirgendwo lassen sich diese beiden Epochen besser begreifen als in Cap-Haïtien im Norden des Landes, der ehemaligen Hauptstadt der Franzosen. Heute erinnern dort nur noch bunt getünchte Kolonialbauten und eine Kathedrale an die Zeit der französischen Herrschaft. Die schmucken Häuser verfallen langsam, sie müssten dringend renoviert werden.

Zu viel Müll, zu wenige Infos für Touristen

Joëlle Mourral, Eigentümerin der l’Hostellerie du Roi Christophe, findet, dass der Bürgermeister ruhig mehr für ihre Branche tun könnte: „Es liegt zu viel Müll auf den Straßen und es gibt kaum Informationen für Reisende. Aber immerhin haben wir mit Stephanie Villedrouin Balmir seit einigen Jahren eine Tourismusministerin, die sich kümmert. Sie vertritt uns auf Reise-Messen und wirbt um Investoren.“

Was Madame Mourral nicht sagt: Die Ministerin konzentriert sich vor allem darauf, an einem unbesiedelten Strandabschnitt an der Südküste ein Luxus-Resort aufzubauen. Wie viel „Schmiermittel“ in dem notorisch korrupten Staat dabei fließt, kann man nur erahnen. Cap-Haïtien hätte davon auf jeden Fall nichts. Kreuzfahrt-Touristen der US-Reederei Royal Carribean werden zum Beispiel für einen Tagesausflug lediglich in das nahe Cap-Haïtien gelegene Privat-Resort Labadee gebracht. Hier hat die Reederei eine komplette Halbinsel von der haitianischen Regierung geleast, die von Sicherheitsleuten bewacht wird. Die Touristen kommen über das Wasser, eine City-Tour in Cap-Haïtien oder gar eine Übernachtung in der Stadt sind nicht vorgesehen. Für jeden Tagesgast zahlt Royal Carribean zehn Dollar an die Regierung Haitis, Einheimische dürfen die Anlage nicht betreten.

Die Kreuzfahrer besichtigen deshalb auch nicht die berühmte Festung in den Bergen hinter Cap-Haïtien. Oberhalb der Kleinstadt Milot thront auf einem Berg La Citadelle Laferrière, die der schwarze König Henry Christophe, einer der Führer des Sklavenaufstandes, dort zwischen 1806 und 1820 von 20.000 Arbeitern errichten ließ, um die junge Nation vor französischen Invasoren zu schützen. Die Trutzburg, von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt, ist ein spektakuläres Monument dieser Epoche, im Westen kaum bekannt, von Kennern als Machu Picchu der Karibik geschätzt. Wie ein überdimensionierter Schiffsbug ragt die Zitadelle in die Landschaft.

Wer sie besichtigen will, muss sich auf einen schweißtreibenden Aufstieg einstellen, flankiert von vielen ungebetenen, aber freundlichen Reiseführern und Souvenirverkäufern, die mit den wenigen Touristen hier etwas Geld verdienen wollen. Am besten, man mietet sich gleich eines der abgemagerten Reitpferde und entgeht so den Schleppern.

Haiti ist schon lange vor dem Erdbeben zusammengebrochen

Heute arbeiten diese jedoch im Akkord, denn eine Gruppe amerikanischer Entwicklungshelfer will die Zitadelle ebenfalls besichtigen. Die vielen Mitarbeiter der NGOs sind seit dem verheerenden Erdbeben von 2010 nahezu die einzigen Weißen im Land. Jody Wilson aus Springfield, Illinois, ist mit ihrer Organisation „Campus für Christus“ bereits zum dritten Mal hier. Sie hilft in einem Waisenhaus für Erdbebenopfer und von ihren Eltern verlassene Kinder, weil diese sie nicht mehr ernähren können. Haben all die Einsätze etwas gebracht? „Unsere Projekte funktionieren“, sagt sie. „ Aber irgendwann müssen sich die Menschen hier selbst aus dem Dreck ziehen. Doch dafür braucht es Jobs, die es nicht gibt.“

Die erste Frage, die sie von ihren Schützlingen zu hören bekomme, sei die: „Wie komme ich nach Amerika?“ Jody Wilson wird sodann für eine christliche Entwicklungshelferin erstaunlich zynisch: „Wissen Sie: Wir sprechen hier immer von Wiederaufbau. Aber das würde voraussetzen, dass zuvor schon einmal etwas existiert hat. Dem ist aber nicht so. Haiti ist schon lange vor dem Erdbeben zusammengebrochen, ein Staat nur noch auf dem Papier, unter der Vormundschaft der UN.“

Unten, am Fuß der Zitadelle, wartet ein noch exotischeres Bauwerk auf Besucher. Denn Henry Christophe ließ nicht nur ein Fort errichten, sondern auch ein Sans-Souci nachempfundenes Schloss, dessen Grundmauern noch stehen. Man hätte ihn gern kennengelernt, diesen Roi Christophe. Vermutlich wäre er eine gute Besetzung für Werner Herzogs Film Fitzcarraldo gewesen – der Exzentriker, der im Dschungel ein Opernhaus bauen möchte.

„In den Medien klingt vieles negativer, als es in Wirklichkeit ist“

Rückflug nach Port-au-Prince und Weiterfahrt in den Süden, auf die Tiburon-Halbinsel in die Stadt Jacmel, die bekannt ist für ihren lebensfrohen Karneval mit den bunten Pappmaché-Masken und für ihre modernen Glasmosaike, die man überall im Zentrum findet. Cyril beobachtet amüsiert, wie seine Reisegruppe immer lockerer wird. Zu dieser gehören die beiden Schwestern Marie und Cynthia Leger aus New Jersey. „Unsere Großeltern mütterlicherseits stammen aus Haiti“, erzählen sie. „Für uns ist das eine Reise zu unseren Wurzeln. Und wir möchten uns selbst ein Bild von dem Land machen. In den Momentaufnahmen der Medien klingt vieles negativer, als es in Wirklichkeit ist.“

Tatsächlich sind die Einheimischen hier umwerfend freundlich, niemand fühlt sich bedroht. Man kann auf den Spuren des haitianischen Schriftstellers René Depestre wandeln, am Strand spazieren gehen, auf eigene Faust durch die Gassen streifen, bei Hahnen- und Bullenkämpfen zusehen und mitwetten, in die türkisblauen Pools eines nahegelegenen Wasserfalls springen, bei einheimischem Rum dem Plätschern der Wellen zuhören. Karibik-Gefühl pur! Cyril bestätigt: „Haiti bekommt zu viele negative Schlagzeilen. Die Kriminalität ist außerhalb der Hauptstadt deutlich niedriger als etwa in Jamaika oder der Dominikanischen Republik.“

Trotzdem halten sich deutsche Reiseunternehmen fern von Haiti. Bei Studiosus heißt es: „Nichts geplant, auch über 2018 hinaus.“ Rolf Eckstein von Go Caribic bedauert: „Durch die Einschätzung des Auswärtigen Amtes ist es zurzeit nicht möglich, touristische Produkte in Haiti anzubieten. Es gebe aber Pläne, Tagesausflüge von der dominikanischen Seite in den Norden Haitis nach Cap Haïtien wieder aufzunehmen. Ein Hindernis seien die hohen Grenzgebühren von 50 Dollar, was den Ausflugspreis stark belaste.