In Koalition mit Jamaika: Müllsammeln im Karibik-Urlaub

Jamaika, Müll am Strand

 
 
 

Wen beim Luxusurlaub in der Karibik das schlechte Gewissen plagt, der kann jetzt Reue zeigen: mit Umweltschutz-Unterricht in der Volksschule oder Müllsammeln am Strand

Nicht jeder ist als Lehrpersonal geeignet. Wir sollen an diesem Vormittag je zwei Volksschulkindern etwas über Umweltschutz beibringen. Bücher und Zeichenmaterial haben wir auch dabei.

Doch bereits die Frage nach dem Berufswunsch der Mädchen führt in eine didaktische Sackgasse. „Superheldin“, sagen sie. Und ihr Lieblingstier? „Haie sind cool“, meint die eine. Wir landen schnell bei Drachen, Vampiren und Zombies. Die lebhaften Kinder zeigen, was sie machen würden, wenn Aliens angreifen.

Große Aufregung

Und wie sich ihre Wasserflasche an ihren Lippen festsaugt wie ein Monster. Die Stimmung ist ausgelassen, an klassischen Unterricht ist nicht mehr zu denken. Ich bin eine schlechte Lehrerin, weil ich mindestens so kindisch bin wie meine Schülerinnen.

„Reading Road Trip“ nennt sich dieses Programm, dem wir zwei sehr unterhaltsame Stunden als Aushilfslehrerinnen in einer kleinen Dorfschule in Jamaika verdanken. Rund 400 Kinder werden hier unterrichtet, die Klassen sind überfüllt, wenn Touristen vorbeischauen, ist die Aufregung groß.

Nicht nur, weil sie Geschenke mitbringen. Für Besucherinnen und Besucher aus aller Welt wiederum ist es eine gute Gelegenheit, von einem Land mehr als seine tollen Strände zu sehen.

Auch das Mittagessen in der Kantine ist ein Hit – besser als in so manchem Touristenlokal oder Hotel: Es gibt Jerk Chicken mit der typischen scharfen Sauce, die Pfeffer, Piment, Muskat und andere Gewürze vereint (die Kinder nehmen natürlich lieber Ketchup zu ihren Pommes), sowie Festival, das ist eine leicht süßliche Teigware aus Maismehl, die wie ein Knoten geformt wird, und Callaloo, spinatähnliches Blattgemüse. Nach dem abenteuerlichen Kampf gegen die Außerirdischen sind wir dementsprechend hungrig.

Ausspannen oder Aktivurlaub

Eigentlich bieten die Sandals Resorts Urlaub an, bei dem man absolut nichts über das Land mitbekommen muss, in dem man sich gerade befindet. Die weiträumigen Anlagen sind ein Kosmos für sich mit Restaurants, die von Sushi über italienische und indische Küche bis zu französischen Süßigkeiten einfach alles anbieten.

Der jamaikanische Betreiber Sandals unterhält seit 1981 Luxushotels in der ganzen Karibik, das Konzept setzt auf „all inclusive“. Aus Toronto fliegt man gerade einmal vier Stunden nach Jamaika, die USA liegen noch näher, und aus England gibt es Direktflüge.

Viele Paare kommen, um zu heiraten, weil es in den Resorts idyllische Kapellen direkt über dem Meer gibt. Andere wollen entweder ausspannen oder Aktivurlaub machen: Kajakfahren, Schnorcheln, Segeln, da ist für jeden etwas dabei.

Bewusstsein wecken

Die Sonnenuntergänge am langen Sandstrand von Montego Bay sind spektakulär, und die Drinks gehen auch nie aus. Warum also überhaupt einen Fuß vor diese heile Welt setzen? „Wir haben viele Stammkunden, die jedes Jahr kommen“, erzählt Karen Zacca, die für die Sandals Foundation arbeitet, deren Ziel es ist, Sozialprojekte in Jamaika zu fördern.

„Irgendwann wollen sie mehr von der Insel sehen.“ Zacca und ihr Team kooperieren seit mehr als zehn Jahren mit Schulen und Frauenhäusern, helfen, lokale Unternehmensgründungen voranzutreiben und Bewusstsein für den Umwelt- und Tierschutz zu wecken.

„Wir möchten den Einheimischen nichts aufzwingen“, sagt sie: „Sie schreiben uns, was sie brauchen. Und wir helfen, wo wir können.“ Mit über 580 Schulen in der Karibik gibt es einen Austausch.

Luxus und gutes Gewissen

Sandals liegt mit seinem Engagement im Trend. Luxushotels können es sich nicht mehr leisten, die Armut zu ignorieren, die sie umgibt. Der Anspruch ihrer Gäste hat sich verändert. Gerade Millennials möchten ihren Luxus mit gutem Gewissen genießen. Sie legen großen Wert darauf, dass recycelt wird.

Und sie freuen sich über das kleine Katzencafé, eine Hütte aus Holz, in der die Streuner gefüttert werden. Früher hätte man sie vertrieben, aber seit einem Jahr kümmert man sich um die Tiere, erzählt die Hotelmanagerin. All-inclusive-Gäste sind eher ängstliche Typen, sonst würden sie ja ein Land auf eigene Faust erkunden.

Über diese Hilfsprojekte bekommen sie ansatzweise mit, was außerhalb ihrer abgezirkelten Resort-Oase passiert. Und müssen sich nicht ganz so schlecht fühlen, dass sie für eine Nacht so viel Geld verpulvern, wie das Monatsgehalt einer einheimischen Familie ausmacht.

Schildkrötenflüsterer

Am Nachmittag besuchen wir Mel Tennant, einen Engländer, der 2003 nach Jamaika kam und sich auf seine Pension mit Blick aufs Meer freute. Doch er beobachtete, wie Einheimische gefährdete Schildkröten am Gibraltar Beach, an der Nordküste der Insel gelegen, töteten und die Nester plünderten.

Aus dem Pensionisten wurde ein Umweltaktivist. Sein Wissen brachte er sich über jahrelange Beobachtung und Erfahrung selbst bei. Seit 2007 hat er über 220.000 Schildkrötenbabys sicher ins Meer gebracht, und damit nicht nur den Tieren geholfen: Viele Einheimische wurden krank, weil das Fleisch der Schildkröten giftig ist.

Er hat diesbezüglich wesentliche Aufklärungsarbeit geleistet. Im Sandals-Hotel nennt man ihn nur ehrfürchtig den Schildkrötenflüsterer.

Mel zeigt uns, wie die Nester aussehen. Mit einem Metallgitter hat er sie vor Räubern geschützt. Er untersucht die Unterseite der gerade geschlüpften Babyschildkröten. Wenn ihr Panzer fest zugewachsen ist, dürfen sie in die Freiheit entlassen werden. Sonst müssen sie noch ein paar Tage in den Brutkasten.

Dann beginnt die Vorbereitung für das große Krabbeln: Wir waschen je zwei Babys mit Meerwasser ab, um sie vom Sand zu befreien. Sofort werden sie aktiv, würden am liebsten gleich wegpaddeln. Zuvor aber müssen sie noch gezählt werden: 134 waren im Nest.

Dann kippen wir den Kübel aus, und das Wettrennen beginnt. Sie robben mit Volldampf durch den Sand, in ein paar Minuten ist auch der letzte Nachzügler im Meer. Mel weiß, dass kurz vor Sonnenuntergang die beste Zeit ist, dann sind die großen Fische noch nicht im seichten Wasser. Die Chancen, zu überleben, sind dann am besten.

Goldeneye

Der Sonnenuntergang ist eine Wucht: Wolken stapeln sich über Wolken, die Farben am Himmel sind dramatisch. Gleich um die Ecke liegt eines der bekanntesten Anwesen der Insel, das mittlerweile ein Nobelhotel ist: Goldeneye. Dort hat Autor Ian Fleming (1908-1964) James Bond erfunden.

Der britische Schriftsteller nannte das 1946 erworbene karibische Versteck, in dem er regelmäßig dem kalten Londoner Winter entfloh, angeblich nach einer Geheimdienstoperation. Alle 14 Bond-Bücher sind hier entstanden. Auch für die neue Bond-Verfilmung „No Time to Die“ wurde zum Teil wieder in Jamaika gedreht.

Natürlich sind Daniel Craig und seine Kollegen auch am Schildkrötenstrand gewesen. Mel erwähnt das nur nebenbei und erzählt lieber über seine Babys. Er ist felsenfest davon überzeugt, dass sie ihn wiedererkennen. Als sich eine Schildkröte in den Goldeneye-Pool verirrte, rief ihn das Resort an. Das Tier lasse sich nicht fangen. Als Mel kam, schwamm es direkt auf ihn zu.

Aktionstag gegen Müll

Am nächsten Morgen ist es extrem schwül. Trotzdem müssen wir zupacken. Es ist nationaler Aktionstag gegen Müll. Wir reinigen eine Stunde lang einen Strand und tragen in Listen ein, was wir gefunden haben. Fünf Schuhe und ein Kamm sind meine Highlights. Am Ende sind wir verschwitzt, aber glücklich, posieren für Fotos von unserem Abfallberg.

Rund 73 Tonnen Plastikmüll wurden insgesamt in den vergangenen Jahren gesammelt. Jamaika hat ein veritables Müllproblem, allein von Kreuzfahrtschiffen werden Tonnen angeschwemmt. Immerhin sind Plastik und Styroporverpackungen seit diesem Jahr in Jamaika verboten. Das ist ein erster Schritt.

Aber wie sinnvoll war unsere Aktion? Ernüchtert stellen wir fest, dass es bewohnte Häuser hinter dem Strand gibt, den wir gerade gereinigt haben. Warum putzen die nicht selbst? Wird jeden Tag so viel Müll angeschwemmt? Zweifel und Hilflosigkeit kommen auf, obwohl wir uns gerade so gut und nützlich gefühlt haben.

Alltag

Dann geht es erschöpft in die heile Welt des Resorts zurück, wo schon wieder Drinks auf einen warten. Im Bus bitten wir den Fahrer, das Radio aufzudrehen. Er fragt schüchtern, ob es okay wäre, wenn er seinen eigenen Song für uns singen würde.

Es geht darum, dass er nicht zu stolz sein soll, seine Freundin auf Knien zu bitten, ihn nicht zu verlassen. Er singt herzerweichend schön. Und plötzlich hat man das Gefühl, wirklich in Jamaika angekommen zu sein. Alltag lässt sich eben durch nichts ersetzen. Weder durch Luxus noch durch Engagement.