Filmfestival Havanna: Die Berlinale der Karibik

Einer der Veranstaltungsorte beim Filmfestival in Havanna: Das Teatro Karl Marx

 
 
 

Seit mehr als 40 Jahren begeistert das Filmfestival Havanna ein kinobegeistertes kubanisches Publikum – auch mit deutschen Produktionen. Dieses Mal sind zwar deutlich weniger Filme im Programm als zuletzt. Dennoch werden relevante Themen diskutiert und Fragen zur Zukunft Lateinamerikas gestellt.

„Jedes Jahr nehme ich Urlaub, um mehrmals am Tag ins Kino zu gehen, denn zum einen ist Kino Kultur und zum anderen lerne ich etwas über den Charakter anderer Völker.“

Für Magda ist das Filmfestival ein Muss und ein Genuss. Für zehn kubanische Pesos (umgerechnet 40 Cent) bekommt sie einen Block mit sieben Eintrittskarten, die für alle Filme gültig sind. Selbst für Arbeiter und Rentner mit Monatseinkommen zwischen zehn und 40 Euro im Schnitt ist das billig. Heute stehen Magda und ihre Freundinnen für den argentinischen Dokumentarfilm „Lateinamerika – Umkämpftes Territorium“ an.

„Wir hinterfragen das Gesellschaftsmodell für Lateinamerika. Wollen wir es uns von den großen Mächten vorschreiben lassen, oder finden wir einen eigenen Weg für den Kontinent, der es erlaubt, Millionen Lateinamerikaner aus der Armut zu führen?“, erläutert Regisseur Esteban Alfredo Cuevas.

Blick auf die Politik Lateinamerikas

Interviews mit vornehmlich linksliberalen Ex-Präsidenten – angefangen vom Brasilianer Lula über Paraguays Lugo bis hin zum Bolivianer Morales – vor seinem Sturz – prägen den Ton einer eindeutig ideologischen Debatte. Solche Dokumentarfilme, viele auch über die Helden der kubanischen Revolution und des kubanischen Kinos, bilden eine tragende Säule des Festivals.

Der Wettbewerb, zu dessen Auftakt eine der prägenden Figuren des mittlerweile 60-jährigen kubanischen Filminstituts ICAIC, Manuel Perez, mit dem Preis der Ehrenkoralle geehrt wurde, präsentiert daneben Werke in den Kategorien „Feature“, „Erstlingswerke“, „Kurz- und Trickfilme“. Spanien und Deutschland wird in diesem Jahr ein spezielles Panorama geboten, unter anderem mit Filmen wie „Fortschritt im Tal der Ahnungslosen“ von Florian Kunert.

Klasse statt Masse ist das Ziel

Statt über 500 werden in diesem Jahr jedoch nur gut 300 Filme präsentiert. Zum einen, weil nicht so viele Vorführungssäle wie in früheren Jahren zur Verfügung stehen, zum anderen, weil Festival-Direktor Ivan Giroud mehr auf Klasse als auf Masse setzen will. Die kritische Versorgungs- und Finanzlage Kubas spielt zweifelsohne aber auch eine Rolle.

Ivan Giroud: „Für jeden Film müssen wir die Rechte für jede Vorführung entrichten. Einige Rechte bekommen wir trotz unserer Bemühungen nicht, weil sie nicht verfügbar waren oder die Rechte verkauft. Wenn ein französischer Film an einen US-amerikanischen Verleih geht, dann erwirbt der meist auch die Rechte für Kuba oder ganz Lateinamerika. Das erschwert die Sache.“

Das Embargo lässt grüßen. So bietet das Festival dieses mal weniger international renommierte Filme, als vielmehr eine Fülle an Produktionen junger lateinamerikanischer Filmemacher. Mehr als zwei Drittel aller Filme auf dem Festival stammen aus Lateinamerika, besonders stark vertreten Argentinien.

Das kinobesessene Publikum Kubas

Mit „Heroic Loosers“, einer Komödie mit Ricardo und Chino Darín in den Hauptrollen, hatte das Festival auf alle Fälle einen würdigen Auftaktfilm. Zu Zeiten der Großen Depression in Argentinien werden Bewohner eines gottverlassenen Dorfes in der Pampa ausgetrickst und um ihre Ersparnisse in US-Dollar gebracht, die sie eigentlich in eine Genossenschaft stecken wollten. Rache ist süß und war ganz nach dem Geschmack eines total kinobegeisterten – ja man ist fast geneigt zu sagen kinobesessenen – kubanischen Publikums:

„Super. Besser als Ricardo Darín kann man kaum spielen. Gutes Drehbuch, gute Kameraführung, überraschende Elemente“, meint Gabriela, die sich auf Nachfrage als deutschsprechende kubanische Touristenführerin entpuppt und über das Festival sagt: „Im Allgemeinen empfinde ich das als eine Opportunität für alle, das normalerweise in anderen Ländern sehr teuer ist. Und bei uns ist das normal. Es ist einmal im Jahr und für alle, wie wir hier sehen können. Es ist spektakulär.“

Denn das hat Havanna wohl mit der Berlinale gemein: Beide sind Publikumsfestivals und bieten Gelegenheit zum direkten Dialog mit den Machern.