Corona schickt Kuba zurück in die Krise

Vor den Geschäften in Kuba bilden sich lange Schlangen

 
 
 

Zwar scheint Corona auf Kuba unter Kontrolle, aber die wirtschaftlichen Probleme verschärfen sich und die schwierige Versorgungslage spitzt sich weiter zu. Noch ungemütlicher könnte die zweite Jahreshälfte werden.

Kuba kehrt langsam zur Normalität zurück. Im ganzen Land gibt es erste Lockerungen der Corona-Beschränkungen – mit Ausnahme von Havanna. Dort waren in den vergangenen 15 Tagen noch Neuinfektionen aufgetreten. Der Fahrplan der Regierung sieht eine „graduelle und asymmetrische“ Rückkehr in drei Phasen vor.

Im Gegensatz zu vielen Ländern der Region hat Kuba mit einer Strategie aus aktivem Aufspüren von Infizierten und Isolierung der Kontaktpersonen das Corona-Virus gut unter Kontrolle bekommen. Bis Sonntag gab es nur noch 43 aktive Coronafälle auf der Insel. Insgesamt infizierten sich 2.332 Menschen mit Covid-19; 86 starben an den Folgen einer Infektion.

Alte Probleme verschärfen sich

„Die Regierung hat gut reagiert, aber die Beschränkungen dauern nun schon viel zu lange“, sagt Yolanda Reyes Peña. Die 24-Jährige, die mit ihrer Mutter und dem älteren Bruder in Havanna wohnt, arbeitete vor Corona als Maniküre in einem privaten Nagelstudio. Anfangs nahm sie den Lockdown als willkommene Pause, lebte von ihren Ersparnissen. Inzwischen aber fürchtet sie weniger das Coronavirus, ihre größere Sorge ist jetzt, wann sie wieder anfangen kann zu arbeiten und wie hoch ihr Verdienst dann sein wird. „Das Schlimmste ist die Ungewissheit“, sagt sie.

Die aber könnte sogar noch zunehmen. „Die kubanische Wirtschaft hatte bereits vor Corona erhebliche Probleme, vor allem ihren externen Zahlungsverpflichtungen nachzukommen“, sagt der Ökonom Ricardo Torres Pérez vom Studienzentrum der kubanischen Wirtschaft (CEEC) an der Universität von Havanna. „Die Pandemie trifft wichtige Sektoren, wie den Tourismus, aber auch die Geldüberweisungen aus dem Ausland.“ Hinzu komme die US-Blockade, so Torres.

Einbruch des Tourismus schmerzt

Vor allem der Einbruch des Tourismus setzt der ohnehin kriselnden kubanischen Wirtschaft zu. „Für Kuba ist der Tourismus eine der wichtigsten Einnahmequellen“, weiß Yedi López-Cotarelo. Der 47-Jährige arbeitet selbst seit zwölf Jahren als Touristenführer. „Seit Kuba seine Grenzen geschlossen hat, habe ich nicht mehr gearbeitet. Aktuell habe ich keine andere Einnahmequelle.“

Auch er lebt vom Ersparten. Vor allem indirekt ernährt die Reisebranche viele Menschen auf Kuba. „Selbst ich, ein einfacher Handwerker, profitiere vom Tourismus“, sagt der Schreiner Gerardo Bauza* aus Centro Habana. „Denn meine Waren wurden auch von Touristen gekauft. Jetzt, ohne Tourismus, verkaufe ich nichts.“ Seit Beginn der Epidemie lebt der 58-Jährige mit seiner vierköpfigen Familie vom Gehalt der Tochter, die im Gesundheitswesen beschäftigt ist.

Wieder Engpässe in der Grundversorgung

Derweil spitzt sich die bereits vor Corona schwierige Versorgungslage weiter zu. „Die kubanische Bevölkerung erlebt die Auswirkungen in Form von Mangel von Gebrauchsgütern aller Art, im Moment selbst bei Grundprodukten wie Medikamenten und Lebensmitteln. Wir sind noch nicht in einer Situation wie Anfang der 1990er Jahre, aber es gibt offensichtlich eine sehr komplexe wirtschaftliche Situation“, erklärt Torres.

„Wir Kubaner haben praktisch die gesamte Epidemie in Warteschlangen verbracht“, sagt López-Cotarelo. Drei-, viermal die Woche stehe er stundenlang für Hühnchen, Zahnpasta, Speiseöl oder Hackfleisch an. Die langen Schlangen vor den Geschäften gelten als Hauptproblem für mögliche Ansteckungen. Um sich und ihre Mutter dieser Gefahr nicht auszusetzen kauft Reyes „bei Weiterverkäufern“, wie sie sagt. „Die verkaufen alles zwei- bis dreimal so teuer wie im Laden.“