Von Karibik-Stränden und Kinderbäuchen – Mein FSJ in Panama

Ein Körbchen mit Lebensmitteln für die erste Zeit wird den Eltern mitgegeben

 
 
 

Wie so viele wollte auch SPIESSER-Autorin Sophia nach dem Abitur weg. Irgendwo nach Mittel- oder Südamerika sollte es gehen, um Spanisch zu lernen und in eine fremde und faszinierende Kultur einzutauchen. Sie fand immer mehr gefallen an dem Konzept des Freiwilligendienstes und entschied sich letztendlich auch dazu. Doch dass sie viele Monate und einige Impfungen später Panama ihre Heimat auf Zeit nennen durfte, damit hatte sie im Traum nicht gerechnet.

Noch weniger hat Sophia mit der Tatsache gerechnet, dass ihr Freiwilligendienst vier Monate vor dem regulären Ende auf Grund der Corona-Pandemie abgebrochen werden musste und sie nun bereits seit knapp drei Wochen wieder zurück in Deutschland ist. Jetzt blickt und denkt sie ein wenig wehmütig an das kleine Land zurück, an seine Bewohner und an all das was sie erleben, lernen und entdecken durfte. An all das, was Panama unterscheidet und ausmacht.

Wie schön ist Panama?

Wenn Panameños von Panama erzählen, dann sprechen sie über die Schönheit der Natur. Sie reden über die weißen Karibik-Strände auf der einen Seite des Landes und den schwarzen Sand des Pazifiks auf der anderen. Sie schwärmen von den unberührten Regenwäldern, die das Zuhause von Faultieren, Affen, roten Fröschen, hunderten Vogelarten und unzählbaren weiteren Lebewesen sind. Die einen singen Lobeshymen auf die futuristische Hauptstadt Panama City, während die anderen stolz Fotos von Bergen, Wasserfällen und Obst- und Gemüsefeldern zeigen.

Und während die Panameños erzählen sitzen sie vielleicht in ihren Wohnzimmern. Mit dem Fernseher im Hintergrund, der ständig läuft, genauso wie der Ventilator, der kalte Luft in die schwüle Hitze pustet. Umgeben von ihrer Familie, den Menschen, die ihre besten Freunde und engsten Vertrauten sind. Auf den Schößen haben sie vermutlich Teller mit Bergen von Reis und Hühnchen und frittierten Kochbananenscheiben, die „Patacones“ genannt werden. Alle reden wild durcheinander, die Kinder toben zwischen den Sesseln umher und es kann sein, dass die Älteren klackernd Domino spielen. Ein chaotisches, lautes, liebevolles Miteinander.

Aus diesen Gründen habe auch ich mich schnell in das kleine Land in Zentralamerika verliebt. Doch wenn ich unter der rosaroten Brille hindurch blinzle, dann sehe ich den grauen Schleier. Dieser schimmert auch in meinem alltäglichen Leben hindurch. Denn ich lebe in dem kleinen Dörfchen Changuinola, welches in der Provinz Bocas del Toro liegt, was zu Deutsch so viel wie „Münder des Stieres“ bedeutet. Bocas besteht grob zusammengefasst aus drei großen Dörfern, Urwald, Bananenplantagen eines großen Weltkonzerns, wunderschönen Karibikinseln und leider auch sehr viel Armut.

Unwissenheit schützt vor Folgen nicht

Dass Armut nicht nur bedeutet, kein Dach über dem Kopf zu haben, bekomme ich in meinem Projekt Tag für Tag vor Augen geführt. Mein Arbeitsplatz ist die Einrichtung „Nutre Hogar“. Diese ist eine NGO, die sich um mangelernährte Kinder und Kleinkinder im Alter von vier Monaten bis drei Jahren kümmert. Die Kinder werden gefüttert, medizinisch versorgt und erhalten psychische Unterstützung einer Therapeutin, um die aus der Mangelernährung resultierenden Defizite auszugleichen. Außerdem werden die Eltern von der Krankenschwester des Hauses auf Veranstaltungen über eine gesunde und ausreichende Ernährung informiert. Zum Abschluss wird gemeinsam nährreich und billig gekocht.

Ich habe auf einigen der Veranstaltungen mitgeholfen und konnte so den Eltern zuhören und sie beobachten, wie sie kleine Aufgaben erfüllten. Sie sortierten bereitgestellte Lebensmitteln wie Reis, Früchte oder Haferflocken den Mahlzeiten Frühstück, Mittagessen und Abendessen zu und bekamen dadurch ein Gefühl für die Lebensmittel. Ich glaube am Ende dieser Seminare ging es allerdings nicht primär darum, auf wie viele unterschiedliche Weisen Haferbrei gekocht werden kann, sondern viel mehr darum, dass Kinder auch mit wenig Geld gesund und ausgewogen ernährt werden können. Denn viele der Familien haben dieses Geld nicht. Es sind Familien mit Müttern, die sich mit der Hoffnung auf ein besseres Leben mit Männern einließen, die sie dann doch sitzen gelassen haben. Mütter, die auf Grund der fehlenden Aufklärung oder von religiösen Vorstellungen, besonders in einigen der ländlichen Gebieten, bereits mit dem zweiten oder dritten Kind ungewollt schwanger sind. Es sind aber auch Väter, die vor lauter Scham, ihre Familie nicht ernähren zu können, zur Flasche greifen. Eltern, die in dem gleichen Teufelskreis der Armut aufgewachsen sind, in denen nun auch ihre Kinder reingeboren werden.

Ich glaube, viele der Mütter und Väter wollen und versuchen das Beste für ihr Kind, doch wissen einfach nicht wie. Auch wenn ich in solchen Momenten versuche, wirklich nicht zu urteilen, macht manchmal das Herz dem Kopf einen Strich durch die Rechnung. Denn Kinder sollten spielen, die Welt entdecken, alles anfassen wollen, aber nicht stumm in ihren Gitterbettchen liegen, zu kraftlos, um sich aufzusetzen. Auch nach drei Monaten bekomme ich einen Kloß im Hals, wenn ich den Hungerbauch eines Einjährigen sehe und noch größer wird der Kloß, wenn ich ihn hochheben möchte und jede einzelne Rippe spüre. Es ist schwierig, anstatt einer weichen Babyhaut bei den Kleinsten wunde, trockene Hautschuppen zu spüren und es ist auch nicht einfach, die körperlichen Entwicklungsstörungen beobachten zu müssen.

„Der Körper“, so erklärte es mir zumindest die Physiotherapeutin, „ist in allererste Linie aufs Überleben ausgelegt. Erst wenn er das kann, kann er sich auch gesund entwickeln.“ So kommt es, dass eine Zweijährige ihren linken Arm und ihre Hand nicht nutzt und dort keine Muskeln aufgebaut hat, da sie diese nie beanspruchen musste. Ein Anderthalbjähriger kann nur kaum auf seinen eigenen Beinen stehen und ein anderer Zweijähriger gab knapp zwei Wochen lang außer weinendem Schreien keinen Ton von sich. Das Schöne ist aber auch, dass eben dieses zweijährige Kind seit einiger Zeit jedes Wort wie ein Wasserfall nachbrabbelt. Mit Zeit und Pflege verschwinden auch die aufgeblähten Bäuche und die Kinder nehmen gesund zu – an Gewicht und am Leben.

Wenn die Kleinen das Normalgewicht erreicht haben, dieses auf Dauer halten, nicht mehr auffällig krankheitsanfällig sind und das Okay von einer Ärztin bekommen, gehen sie mit ihren Eltern wieder nach Hause. Die Eltern bekommen davor noch ein Körbchen mit etwas Milchpulver und Babybrei für die ersten Tage und es wird vereinbart, dass sie nach einem halben Jahr noch einmal zur Kontrolle ins „Nutre Hogar“ kommen sollen.

Nur mal kurz die Welt retten?

Ich weiß, dass ich mit dem, was ich hier während meines Freiwilligendienstes tue, nicht die Welt retten kann und das will ich auch gar nicht. Aber ich glaube an den Schmetterlingseffekt. Und so wie ein Schmetterling mit einem Flügelschlag einen Tornado auslösen kann, so kann ich vielleicht einem Kind ein bisschen Unbeschwertheit schenken. Wenn auch nur für einen Moment.